Konzeption

Präambel
Das Autismus-Therapie-Zentrum Südbaden in Freiburg im Breisgau, bietet seit dem 01.12.2000 Therapie, Beratung und Begleitung für Menschen mit Autismus und deren Angehörige, sowie für verschiedenste Einrichtungen und Berufsgruppen, die mit autistischen Menschen arbeiten, an.

Träger ist der Verein „Hilfe für das autistische Kind", Regionalverband Südbaden e.V. Der Verein wurde im Juni 1991 für den Raum Südbaden in Emmendingen-Wasser von betroffenen Familien sowie Lehrern der Eduard-Spranger-Schule gegründet.

„Hilfe für das autistische Kind" ist eine bundesweite Selbsthilfeorganisation mit einem Bundesverband (Sitz in Hamburg) und derzeit 39 Regionalverbänden. Die Gründung des Bundesverbandes vor über 25 Jahren war notwendig geworden, weil es sich beim Autismus um eine relativ seltene, in seinen Erscheinungsformen recht komplizierte, und vor allem noch nicht (restlos) erforschte Behinderung handelt.

Die Arbeit des Regionalverbandes Südbaden besteht in erster Linie in der Aufklärung zum Thema Autismus. Es werden themenspezifische Fortbildungen durchgeführt. Für Helfer, die autistische Kinder und Jugendliche in der Familie betreuen, gibt es ein Schulungsangebot. Für die Familien werden regelmäßige Treffen organisiert um der Isolation entgegenzuwirken, sowie die neuesten persönlichen und fachlichen Informationen auszutauschen. Eine weitere, selbst gestellte Aufgabe des Vereins, besteht im Kontakt zu Jugend-, Sozial- und Gesundheitsämtern, Schulbehörden, Therapeuten, Ärzten und Kliniken, zwecks Aufklärung zum Thema Autismus.

Zudem ist der Verein ständig auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, um autistische Kinder, Jugendliche und Erwachsene in jeglicher Form unterstützen zu können. Mit der Eröffnung des Therapiezentrums ist ein lang gehegtes Projekt in die Tat umgesetzt worden, da für eine erfolgreiche Behandlung und Förderung von autistischen Menschen, spezielle Einrichtungen mit autismusspezifischem Wissen und Erfahrungen notwendig sind.
Das Autismus-Therapie-Zentrum Südbaden verpflichtet sich den Qualitätsstandards des Bundesverbandes, der von einem Wissenschaftlichen Beirat unterstützt und beraten wird. Das Therapiezentrum ist der Kontrolle des Bundesverbandes in Bezug auf die Einhaltung, Durchsetzung und Anwendung der Qualitätsstandards unterstellt.

1. Personenkreis
Unser therapeutisches Angebot richtet sich an Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit frühkindlichem und atypischem Autismus, dem Asperger-Syndrom und autistischen Zügen. Neben der therapeutischen Arbeit mit den Betroffenen, zählt die begleitende Arbeit mit den Angehörigen und den betreuenden Institutionen zu unserem Aufgabenschwerpunkt.
Aus unterschiedlichen Gründen ist es einigen Familien nicht möglich, ihre Angehörigen mit autistischen Störungen bei uns therapeutisch behandeln zu lassen. Die Beratung und Begleitung dieser Eltern, stellt einen weiteren Arbeitsschwerpunkt unseres Zentrums dar.

2. Autismus
Beim Autismus handelt es sich um tief greifende Entwicklungsstörungen, denen komplexe Störungen des zentralen Nervensystems, insbesondere der Wahrnehmungsverarbeitung zugrunde liegen. „Autismus" bezeichnet ein „Syndrom", d. h. nicht ein einzelnes Kriterium, sondern nur eine Vielzahl von Symptomen, kann zur Diagnose führen. Die Diagnose wird über die Beurteilungskriterien der international anerkannten Klassifikationssysteme ICD 10 und DSM IV gestellt.

Es sind verschiedene Formen von Autismus bekannt: Frühkindlicher Autismus (Kanner-Syndrom), Asperger-Syndrom, High-funktioning Autismus, atypischer Autismus und autistische Züge. Die Symptomatik umfasst schwere Kontakt- und Beziehungsstörungen, motorische Stereotypien sowie stereotype Sonderinteressen, Handlungen mit Zwangscharakter, Veränderungsangst. Beim frühkindlichen Autismus kommen Sprach- und Sprechstörungen mit gestörtem Sprachverständnis, z. T. völlig fehlende eigene Sprache, Echolalie und Pronominalumkehr, sowie häufig eine gewisse allgemeine kognitive Beeinträchtigung hinzu.

Der Ausbruch dieser Erkrankung liegt vor dem 30. Lebensmonat, wobei eine „normale Entwicklungsphase" meistens nicht eindeutig zu belegen ist. Kinder mit Asperger-Syndrom fallen oft erst im Kindergarten auf. Es existiert keine klinisch bedeutsame allgemeine Sprachverzögerung. Sie zeigen dagegen Entwicklungsverzögerungen in der Motorik und motorische Ungeschicklichkeiten. Im Verhalten sind ein ungewöhnlich intensives, umschriebenes Interesse an einzelnen Themen und begrenzte repetitive Verhaltensmuster typisch. Die für den frühkindlichen Autismus typischen Beschäftigungen mit Teilobjekten und nichtfunktionalen Elementen des Spielmaterials, sind für Asperger-Autisten eher untypisch.

Nach derzeitigem Kenntnisstand weisen autistische Menschen Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen in den verschiedenen Sinnesbereichen unterschiedlicher Art und Ausprägung auf. Dabei kann es sich u. a. um Probleme der Speicherung, der Erfassungsspanne (es kann nicht in wesentliche und unwesentliche Reize getrennt werden) und der Verarbeitung im Allgemeinen handeln. Aufgrund einer statistisch festgestellten familiären Häufung und geschlechtsspezifischen Verteilung (beim frühkindlichem Autismus sind Jungen drei- bis viermal so häufig betroffen und neunmal mehr als Mädchen beim Asperger-Syndrom) ist davon auszugehen, dass hirnorganische und genetische Faktoren ursächlich für das Auftreten von Autismus sind. Begleitsymptome sind neben den typischen Verhaltensauffälligkeiten wie Zwänge, Störungen des Sozialverhaltens, Phobien, Essstörungen, Wutausbrüche, Fremd- und Autoaggressionen, häufig eine geistige Behinderung, eine Epilepsie sowie Schlafstörungen.

Der autistische Mensch nimmt seine Umwelt mit funktionsfähigen Sinnesorganen wahr, kann die zahlreichen Reize aber nicht richtig einordnen und in Beziehung zueinander bringen. Unter dem Begriff der „Wahrnehmung" ist das Aufnehmen und Verarbeiten aller auf den Menschen einwirkenden Reize zu verstehen. Im Laufe der individuellen Entwicklung, die schon während der Schwangerschaft beginnt, nimmt der Mensch mit den Sinnesorganen - Augen, Ohren, Taktilität (Hautsinn), Propriozeption (Eigenwahrnehmung), Gleichgewichtssinn, Geschmack, Geruch - Reize auf, filtert sie, gibt ihnen „Sinn" und passt seine Reaktionen aufgrund dieser Erfahrungen an seine Umwelt an. Zu einer vollständigen Integration (Zusammenarbeit) der Sinne und damit zu einem umfassenden Erfahren der Umwelt kann es nur kommen, wenn jeder Sinn für sich entsprechend funktioniert.

Entwicklung ist hier als der Prozess zu verstehen, in dem der Einzelne seine „innere Organisation" permanent mit den erfahrenen Außenreizen ab- bzw. angleicht. Die gemachten „Erfahrungen" werden integriert und ermöglichen eine Organisation auf einer immer höheren/umfangreicheren Ebene. So entwickelt der Säugling bzw. das Kleinkind - auch noch der Erwachsene - im permanenten Austausch zwischen der Umwelt und den eigenen Sinneseindrücken, nach und nach ein immer vollständigeres Bild der Welt, die ihn umgibt. Er lernt Zusammenhänge zu verstehen und im gegenseitigen Austausch auf sich einstellende Veränderungen zu reagieren. Er baut sein Können (Wahrnehmung) und seine Adaptation (Anpassung) mehr und mehr aus.

Autistische Menschen sind von Beginn an bzw. ab einem frühen Alter beeinträchtigt in ihrer Möglichkeit die Welt wahrzunehmen und zu verstehen - sich selber so zu erleben, wie es uns möglich ist (Eigenwahrnehmung). Es ist ihnen unmöglich, Gesetzmäßigkeiten in ihrer Umwelt und im sozialen Leben zu erkennen und nach ihnen zu handeln. Sie können kein verlässliches Bild der Welt internalisieren (verinnerlichen), keine Sicherheit im Austausch mit der Umwelt und dem eigenen Erleben aufbauen. Sie sind sich selbst und der Umwelt gegenüber zutiefst verunsichert und brauchen feste Regeln, Abläufe und Strukturen, um sich halbwegs zurechtfinden zu können. In diesem Zusammenhang bekommen selbst die für uns unverständlichen Zwänge, die ja ein typisches Bild für autistische Menschen sind, Sinn. Sie stellen den Versuch dar, sich mit Hilfe von „Regeln" Sicherheit zu schaffen.

Bereits im Säuglingsalter können sich erste Anzeichen eines frühkindlichen Autismus zeigen. Einige Kleinkinder sind auffallend ruhig und zufrieden. Sie schlafen deutlich mehr als andere Kinder im gleichen Alter. Andere sind so genannte Schreikinder und wenden sich bei Körperkontakt oder Auf-den Arm-genommen-Werden ab. Sie scheinen auf dem Arm der Eltern zu leiden, statt Trost zu finden. Sie machen sich steif oder lassen den Körperkontakt schlaff über sich ergehen. Diese Kinder sind in ihrer Taktilität (Spürsinn) über- bzw. unterempfindlich. Bei dem Versuch Blickkontakt aufzunehmen, wenden sie sich ab. Diese frühkindlichen Verhaltensmuster beeinflussen die Eltern-Kind-Beziehung und führen bei den Eltern zu Verunsicherungen, Trauer, Ablehnung und Wut, was den Beziehungsaufbau zum Kind wiederum erschwert. Diese Störungen der Interaktion in Kommunikation und Kontaktaufnahme lassen quasi jeden Versuch eines Beziehungsaufbaus scheitern.

Mit zunehmendem Alter kommen zahlreiche Verhaltensauffälligkeiten dazu, die besonders für Eltern und die BetreuerInnen in den entsprechenden Einrichtungen wie Schule, Heim, Ausbildungs- und Arbeitsplatz, im alltäglichen Umgang mit diesen Menschen sehr belastend sind.

Zusammenfassend kann gesagt werden:
Autistische Menschen haben Schwierigkeiten die Informationen aus der Umwelt zu verarbeiten und das Sozialverhalten und die Kommunikation der Menschen zu verstehen. Es ist für sie nicht möglich, die aufgenommenen Reize der dinglichen und lebendigen Umwelt in dem uns „Nichtautisten" gewohnten Sinne wahrzunehmen. Aufgrund dieser anderen Art der Wahrnehmung bilden autistische Menschen andere „Anpassungsmodalitäten" heraus, mit denen sie versuchen, im Alltag zurechtzukommen.

Sie ziehen sich aufgrund dessen früh in eine eigene „innere Welt" zurück, schaffen sich eigene Erklärungsweisen/Verständnisweisen ihrer Umwelt, die uns in der „außen Welt" Lebenden oft genug verborgen bleiben. Menschen mit Autismus reagieren in den meisten Situationen anders als wir es erwarten bzw. gewohnt sind.

Sie können unsere Mimik, Gestik und Sprache nicht entsprechend verstehen. Sie wenden sich von Menschen ab und lieber unbewegten Objekten zu, die sie mit ihren „Erklärungsmodellen" (Wahrnehmung) besser handhaben können. So ist die Reaktion der Objekte (z. B. Autoräder) auf ihre Handlungen (drehen) vorhersehbarer bzw. einschätzbarer, nicht aber die doch recht komplexen gestischen und mimischen Ausdrücke des anderen Menschen.

Da die „innere" und die „äußere" Welt nicht übereinstimmen, die ausgebildeten Anpassungsleistungen nicht als solche fungieren, erlebt der autistische Mensch permanent ein Misslingen im Umgang mit der Umwelt. Die Folgen hiervon sind Rückzug, Zwänge, Wut bis hin zur Autoaggression. Diese fungiert allerdings auch als Stimulus bei mangelnder Selbstwahrnehmung. So ist z. B. bei eingeschränkter visueller Wahrnehmung zu beobachten, dass die Augen immer wieder fest gedrückt oder gepiekt werden. Das Schlagen auf die Ohren kann z. B. Ausdruck einer gestörten auditiven Verarbeitung sein. Das Gleiche gilt für die anderen Sinneskanäle.
3. Prognose
Autismus ist nicht heilbar, jedoch lässt sich mit einer entsprechenden Therapie ein wesentlich günstigerer Verlauf und eine positivere Prognose in Bezug auf die Selbstständigkeit und soziale Integration erzielen. Die Chance, vorhandene oder sich „festigende" Wahrnehmungsverarbeitungs- und Beziehungsstörungen innerhalb wie außerhalb der Familie positiv zu beeinflussen, ist größer, je früher die autismusspezifische Förderung einsetzen kann.

4. Autismus-Therapie
4.1. Das Setting
Die Therapie autistischer Menschen beinhaltet heilpädagogisch-psychologische, therapeutische und soziale Maßnahmen. Unser Arbeitsansatz ist ganzheitlich und systemisch orientiert. Dies ergibt sich aus dem oben Dargestellten. Da jeder autistische Mensch in seiner Art und Ausprägung des Autismus einmalig ist, erfordert der therapeutische Umgang mit dem Einzelnen besondere Flexibilität. Dieses individuelle Vorgehen bezieht sich sowohl auf die Anwendung verschiedener therapeutischer Elemente, wie auf den Ort und die Art und Weise des Kontakt- und Beziehungsaufbaus.
In der therapeutischen Arbeit mit autistischen Menschen bedarf es eines „langen Atems".

Das heißt, dass die jeweiligen Therapiephasen wesentlich intensiver und langfristiger als bei anderen behandlungsbedürftigen Behinderungen/Erkrankungen durchlebt werden müssen. Die Therapie muss mit viel Geduld angegangen und in sehr kleinen Schritten geplant werden.

Grob gliedert die Therapie sich in vier Phasen auf, wobei diese sich zum Teil überschneiden können und ineinander übergehen. Die erste Phase, „Kennen lernen und Beziehungsaufbau", hat das Ziel Sicherheit und Vertrauen in die Situation, die Räumlichkeiten und den Therapeuten zu erlangen. In der zweiten Phase soll die Selbsterfahrung und Eigenwahrnehmung gestärkt werden, mit dem Ziel, Selbstvertrauen aufzubauen. Auf dieser Grundlage baut die dritte Phase auf. In dieser Phase wird störungsorientiert gearbeitet. Der Erwerb von Handlungskompetenzen steht im Vordergrund. In der vierten Phase sollen die erworbenen Kompetenzen in den Alltag übertragen und die Ablösung vom Therapeuten eingeleitet werden.

In der Therapiestunde müssen sich Elemente der Anforderung und Förderung, mit Elementen der Entspannung und Ruhe abwechseln. Dieses ist sehr wichtig, um dem Sicherheitsbedürfnis und Wohlbefinden des Klienten Rechnung zu tragen und Überforderungen zu vermeiden.

Je nach Art und Schwere der Verhaltensauffälligkeiten sowie des Alters, sind bis zu 4 Stunden Autismustherapie pro Woche (- in Ausnahmefällen mehr) notwendig. Gerade für jüngere Kinder ist eine entsprechende Anzahl von Therapiesitzungen pro Woche wichtig, um sie in den gestörten Wahrnehmungsverarbeitungsbereichen zu fördern, in ihrem Selbsterleben zu stärken und ihnen beim Aufbau eines Selbstbewusstseins sowie den Eltern im erzieherischen Umgang zu helfen. Die Chance, dass Sekundärstörungen gar nicht erst entstehen, mit all den negativen Auswirkungen und Folgekosten, ist dann groß.
Das Maß der Begleitung und Beratung im sozialen Umfeld (Heim, Familie, Schule, Arbeitsstelle etc.) ist vom Klienten und seiner Lebenssituation abhängig. In der Regel ist die Arbeit mit den Betreuungspersonen - zumeist den Eltern - der Einzelarbeit mit dem Klienten gleichwertig.

Bei Klienten mit sehr starken Verhaltensauffälligkeiten, wie z. B. Autoaggressionen, wird die Therapie im Team mit zwei Therapeuten durchgeführt.

Eine Behandlung beinhaltet 60 Minuten Arbeit am Kind sowie die jeweils notwendige Umfeldarbeit und Vor- und Nachbereitung. Dazu gehören:Erstellung und Fortschreibung des Therapieplans Planung und Protokollierung der einzelnen Stunden Anfertigung von Entwicklungsberichten Teambesprechungen Fallbesprechungen Supervision Gespräche, Telefonate mit den Angehörigen und zuständigen Institutionen Kontakte zu Ämtern, Ärzten, Familienentlastenden Diensten, Familienhelfern Besuch von Fortbildungen Literaturstudium

In der Regel findet die Therapie in Einzelsitzungen in unserem Therapiezentrum statt. Es ist aber auch möglich, bei Bedarf die Therapie an einen anderen Ort zu verlegen.

4.2. Therapieziel
Das grundlegende Ziel der Autismus-Therapie ist, für die Betroffenen ein möglichst hohes Maß an individueller Lebenszufriedenheit, Selbständigkeit und die größtmögliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

Aus den obigen Ausführungen über die autistische Störung ergibt sich, dass die Therapiepläne individuell, auf die jeweiligen Bedürfnisse und die soziale Situation zugeschnitten werden müssen. Global kann man jedoch folgende Zielsetzungen für die Therapie definieren:Erweiterung aller Ausdrucksmöglichkeiten Erweiterung der Beziehungsfähigkeit Erweiterung der sozialen Kompetenz Erweiterung des Kommunikationsniveaus Erweiterung der Handlungskompetenzen Förderung der Wahrnehmung und der Wahrnehmungsverarbeitung Förderung kognitiver Grundfunktionen als Basis für weiterführende Lernprozesse und für das Verstehen sozialer Zusammenhänge Aufbau bzw. Förderung von emotionaler Stabilität Identitätsförderung Reduzierung und Kanalisation von Verhaltensauffälligkeiten Reduzierung sekundärer Verhaltensprobleme Soziale Integration

4.3. Therapiemethoden
Die therapeutische Arbeit ist ganzheitlich und systemisch orientiert. Wie bereits oben mehrfach erwähnt, ist die Zusammenarbeit mit dem sozialen Umfeld ein sehr wichtiger Bestandteil der Therapie.

Zu Beginn der Therapie werden intensive Gespräche bezüglich der Situationsanalyse geführt. Hier kommen die Betroffenen soviel wie möglich selbst zu Wort, ebenso die engsten Bezugspersonen und die jeweils zuständigen Institutionen. Anschließend wird in fünf bis zehn Therapiestunden das Verhalten des Betroffenen beobachtet. Auf Grundlage der gesammelten Informationen wird der individuelle Bedarf ermittelt und ein Therapieplan entwickelt. Auch bei diesem Schritt sind der Klient und seine nächsten Bezugspersonen soweit wie möglich maßgeblich beteiligt. Der Plan beinhaltet nicht nur die Förderung im Rahmen der Therapie, sondern auch Maßnahmen, die von dem Betroffenen selbst bzw. von seinen Bezugspersonen durchzuführen sind.

Dieser Plan wird regelmäßig auf seine Aktualität hin überprüft und in Bezug auf die Inhalte und die angewandten Methoden fortgeschrieben. Einmal im Jahr wird ein ausführlicher Entwicklungsbericht verfasst.

Aufgrund der Kommunikationsstörung besteht die Gefahr, an dem Betroffenen vorbei zu planen. Hier ist der Therapeut mit seinen Erfahrungen und seiner Sensibilität, Kreativität und seinem Einfühlungsvermögen in besonderem Maße gefordert. Es gilt, kommunikativen Signalen sowie Zeichen von Überforderungen besonders aufmerksam gegenüberzustehen. Die Deutung von Verhaltensweisen, Worten und der Bereitschaft des Klienten, bedarf einer großen Sorgfalt. Die Therapie kann nur fruchten, wenn der Betroffene für sich einen Sinn darin sieht und sich positiv gefördert fühlt und nicht nur ge- bzw. überfordert.

Augenscheinlich problematische Verhaltensweisen, die nach allgemeinen Vorstellungen möglichst wegzutherapieren sind, dürfen nicht die wahren Gründe für das Verhalten und die Bedürfnisse der Betroffenen in den Hintergrund geraten lassen.

Was nützt es, wenn das Schreien eines Klienten durch die Therapie reduziert wird, aber der Grund für das Schreien (z. B. Reizüberflutung) weiter bestehen bleibt. Der Klient wird sich noch mehr in sich zurückziehen, um mit der Reizüberflutung umgehen zu können. Wieder hat er dann die Erfahrung gemacht, dass es sich nicht lohnt, sich auf eine Beziehung einzulassen.

Die Therapeuten treten als ein wichtiges Bindeglied zwischen den Klienten und ihrem sozialen Umfeld auf. Gerade die problematischen Verhaltensweisen machen das Leben mit einem autistischen Menschen oft sehr schwer. Das Umfeld ist häufig überlastet und gerade die Familie gerät durch die Verhaltensauffälligkeiten in eine soziale Isolation. Die Therapeuten übernehmen die Rolle der Vermittlung und Koordination zwischen Klient und Umfeld. Die unterschiedlichen Blickwinkel der an der Therapie Beteiligten und Außenstehenden werden geklärt, diskutiert und es wird versucht, ein Verständnis zu erreichen, um gemeinsam den richtigen Weg für den Betroffenen zu finden und ihn gemeinsam zu beschreiten.

Nicht nur in der Phase der Erstellung des Therapieplans ist die besondere Herangehensweise von Nöten, sondern während der gesamten Therapie bedarf es einer über das normale Maß hinausgehenden Aufmerksamkeit gegenüber den Klienten.
In jeder Therapiestunde gilt es wach zu sein für die jeweilige Verfassung und sich darauf einzulassen, die andersartige Lebenswelt zu begreifen. Es wird zunächst mit viel Kreativität und Offenheit für den Klienten eine tragfähige Beziehung aufgebaut, in der an den Stärken und Ressourcen gearbeitet wird. Ist die Beziehung tragfähig, können auch Anforderungen gestellt werden. Hier gilt es, sensibel die Grenze zwischen Überforderung und Unterforderung zu erkennen. Auch die Entscheidung, neue Elemente einzuführen oder ritualisierte Abläufe auszublenden, muss mit äußerster Sorgfalt getroffen werden.
Viele verschiedene anerkannte Methoden dienen als Basis für die Entwicklung des individuellen Therapieplans. Die Methoden werden je nach Bedarf für die Klienten in modifizierter Form und mit Materialien, die dem individuellen Bedarf entsprechen, angewendet. Eine klare Struktur der Therapie versteht sich von selbst.

Folgende Maßnahmen bzw. Elemente einzelner therapeutischer Methoden kommen in unserem Autismus-Therapie-Zentrum zur Anwendung:Differentielle Beziehungstherapie Verhaltenstherapeutische Interventionen Kognitionstherapeutische Intervention (teaching theory of mind) Gestalttherapie Sensorische Integration und basale Stimulation Wahrnehmungsförderung, Bewegungsf örderung Kommunikations- und Interaktionstraining Unterstützte Kommunikation Spieltherapie Musiktherapie Heilpädagogische Entwicklungsförderung/Übungsbehandlung Training sozialer Kompetenzen Autismusspezifische Frühförderung Systemische Familienberatung Beratung
5. Beratung und Begleitung der Eltern bzw. Bezugspersonen

Die Beratung der Eltern ist für die Therapie unverzichtbar. Die Gespräche finden je nach Bedarf bis zu einmal wöchentlich statt. Abhängig von der jeweiligen Situation, werden Informationen zum Thema Autismus gegeben sowie Erklärungen der andersartigen Verhaltensmuster des Betroffenen. Die Familien werden unterstützt und begleitet bei der Bewältigung von Alltagssituationen, die häufig von extrem schwierigen Verhalten wie Zwänge, Ticks, Auto-/ Aggressionen, Stereotypien, Schlaf- und Essstörungen usw. geprägt sind. Die Eltern sind oft genug psychisch und physisch erschöpft. „Hilfe zur Selbsthilfe" zu erarbeiten und Freiräume zu schaffen, sind wichtige Ziele in der Elternarbeit. Hierzu gehören auch die Vermittlung von Sozialpädagogischer Familienhilfe, Familienentlastenden Dienst oder einer eigenen Therapie. Ebenso die Suche nach geeigneten Institutionen für den Betroffen, wie Kindergarten, Schule, Wohngruppe usw. wird von uns unterstützt und begleitet.

Bei jungen Eltern besteht großer ein Bedarf an Unterstützung und Begleitung bei der Akzeptanz und emotionalen Verarbeitung der Tatsache, ein autistisches Kind zu haben. Oftmals stehen Schuldgefühle, Fragen nach dem „Warum", Unwissenheit bzgl. des Störungsbildes, Verleugnung usw. bei den Eltern im Vordergrund.
Die Übertragung der in der Therapie erworbenen Handlungskompetenzen sowie Erkenntnisse des Therapeuten über den Betroffenen und dem spezifischen Umgang mit ihm, sind ebenfalls wichtige Bestandteile der Beratung und Begleitung.

6. Personelle Ausstattung und Qualität der autismusspezifischen Arbeit
Im ATZ arbeiten zurzeit eine Dipl.-Heilpädagogin/Sozialwirtin (Leitung), eine Dipl.-Heilpädagogin und zwei Dipl.-Psychologinnen. Alle haben maximale Erfahrung in der Arbeit mit autistischen Menschen. Hinzu kommt eine Geschäftsführung und eine Sekretärin.

Die stetige Weiterbildung für die Mitarbeiter ist ein „Muss", um den hohen Qualitätsstandards zu genügen. Sie nehmen an speziellen Fortbildungsveranstaltungen des Bundesverbandes „Hilfe für das autistische Kind" sowie an Fortbildungsveranstaltungen bezüglich der unterschiedlichen Therapiemethoden, die in den individuellen Therapieplänen enthalten sind, teil. Ferner besteht ein regelmäßiger Austausch mit den anderen Autismus-Therapie-Zentren in Deutschland. Zusätzlich finden zwei- bis dreimal im Jahr bundesweite Fortbildungen speziell für Mitarbeiter dieser Zentren statt.

Mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik in Freiburg findet eine enge Zusammenarbeit statt und es werden regelmäßig Fallbesprechungen durchgeführt.

7. Räumliche und materielle Ausstattung
Die spezifisch auf autistische Menschen zugeschnittene Therapie setzt voraus, dass den vielfältigen Ausprägungsformen des Autismus entsprechend begegnet werden kann. Somit ist das Raum- und Therapiematerialangebot notwendigerweise sehr umfangreich.

Die Räume sind reizarm eingerichtet. Das Material befindet sich in Schränken, die verschließbar sind. Je nach Klient können die Räume flexibel gestaltet werden. Es gibt einen Raum, in dem konzentriert am Tisch gearbeitet werden kann. Für die Wahrnehmungsförderung gibt es einen Motorikraum mit entsprechender Einrichtung an Übungsgeräten und Materialien, hinzu kommt ein Matsch- bzw. Nassraum.

Das Material ist hohen Belastungen ausgesetzt, sodass es dementsprechend strapazierfähig sein muss. Dies setzt eine hohe Qualität voraus. Ebenso müssen die Therapieräume mit speziellen Schutzmaßnahmen ausgestattet sein, da es bei unserer Klientel nicht selten zu Ausbrüchen von Aggressionen und Autoaggressionen kommt.

8. Aufnahmevoraussetzungen
Für die Aufnahme einer Therapie in unserem Zentrum ist die Diagnose „Autismus" in allen Variationen einschließlich autistischer Züge Voraussetzung, sowie eine Kostenzusage des zuständigen Kostenträgers.

9. Kostenträger
Mögliche Kostenträger sind:
a) Sozialamt: bei Mehrfachbehinderungen, bei geistiger Behinderung
b) Jugendamt: bei seelischer Behinderung
c) Krankenkassen

10. Antragsverfahren
Durch die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Freiburg, niedergelassene Kinderärzte sowie Frühförderstellen, Kindergärten und Schulen usw. kommen bei uns Anfragen bezüglich einer Autismus-Therapie. Sollte jemand ohne Diagnose zu uns kommen, wird zunächst ein Termin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Freiburg zu Diagnosestellung empfohlen.
Steht die Diagnose bereits, kommt es zu einem ersten Gespräch mit den engsten Bezugspersonen und einem Kennenlernen des Betroffenen. Hier wird entschieden, ob der Betroffene bei uns das richtige Therapieangebot vorfindet.

Entscheiden sich beide Seiten für einen Antrag, stellt der Betroffene bzw. sein gesetzlicher Betreuer einen Antrag bei dem jeweiligen Kostenträger. Das Therapie-Zentrum schreibt eine Stellungnahme, in der es die Aufnahme der Therapie unterstützt.

11. Kostensatz
Der annähernd kostendeckende Stundensatz beträgt 55,- € für Selbstzahler. Die Behandlungsstunden finden in der Regel in den Räumen des Zentrums statt. In Ausnahmefällen kann die Therapie auch außerhalb, z. B. zu Hause, in der Schule, in der Öffentlichkeit usw. stattfinden. In diesem Fall wird die Fahrtzeit mit 55,- € je Stunde berechnet, zzgl. 0,30 € pro gefahrener Kilometer für Hin- und Rückweg als Kilometerpauschale.

Mit den zuständigen Kostenträgern wird ein entsprechender Honorarsatz verhandelt. Der aktuelle Stundensatz der Stadt Freiburg beträgt 47,50 €. Sollte der Kostenträger die anfallenden Mehrkosten nicht bezahlen, wird der Differenzbetrag privat in Rechnung gestellt.

Bei Vorträgen und Fortbildungsangeboten wird das Honorar nach Absprache festgelegt.

12. Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Eine Integration autistischer Menschen ist ohne interdisziplinäre Zusammenarbeit aller an der Erziehung bzw. sozialen Integration Beteiligter gar nicht denkbar. Dies zeigt sich u. a. an der bereits großen Zahl von Anfragen unterschiedlicher Institutionen und Berufsgruppen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Frühförderstellen, Kindergärten, Schulen, Arbeitgebern, anderen sozialen Einrichtungen, Therapeuten und Ärzten ist sowohl einzelfallbezogen (Fachberatung) wie auch in Form von allgemeinen Informationsveranstaltungen, Vorträgen und Fortbildungen Bestandteil unserer Arbeit.
Die Kooperation mit niedergelassenen Kinderärzten, Kinder- und Jugendpsychiatern, Ärzten für Psychiatrie und Psychotherapie sowie dem gesamten sozialen Umfeld ist für uns selbstverständlich.

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik in Freiburg begleitet die Therapie ihrer Patienten in Form von Absprachen bezüglich des Therapieinhaltes und regelmäßigen Fallbesprechungen.

13. Öffentlichkeitsarbeit
Unter Öffentlichkeitsarbeit ist sowohl die interdisziplinäre Zusammenarbeit (s. o.) zu verstehen, als auch die notwendige „Aufklärungsarbeit" in Bezug auf das Störungsbild Autismus. Das Spektrum autistischer Störungen ist sehr breit. Die Betroffenen und ihre Angehörige sind in der Öffentlichkeit häufig Unverständnis, Missbilligungen, Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt. Nicht selten wird beispielsweise den Eltern mangelnde Erziehungsfähigkeit zugeschrieben.

Die Aufklärungsarbeit bezüglich der autistischen Störungen, mit den individuell sehr unterschiedlichen Auswirkungen, sowie Verständnis zu schaffen für die Schwierigkeiten betroffener Menschen und auf eine Akzeptanz hinzuarbeiten, sind wichtige Aufgaben unseres Zentrums. In diesem Zusammenhang werden Informationsveranstaltungen in unterschiedlichsten Zusammenhängen angeboten.

Freiburg, Februar 2007