Autistische Kinder in der Schule

Autistische Kinder in der Schule
- Erfahrungen mit unserem Sohn Manuel
Manuel ist der mittlere unserer drei Söhne. Er ist inzwischen 14 Jahre alt und besucht derzeit die 7. Klasse einer Förderschule. Er hat gerade die Halbjahresinformation erhalten, und aus den Noten ist seine autistische Beeinträchtigung nicht zu erkennen. Er wird benotet wie die anderen Mitschüler auch. Für ihn ist der Besuch dieser Schule und die tägliche Auseinandersetzung mit Mitschülern und Lernstoff jedoch eine große persönliche Leistung. Um dies besser zu verstehen, möchte ich Manuels Entwicklung bis zum Schuleintritt kurz aufzeichnen.

Die ersten drei Jahre:
Nach problemloser Schwangerschaft und Geburt entwickelte sich unser zweites Kind Manuel im ersten Lebensjahr ganz normal und unauffällig. Nachdem er mit 13 Monaten gehen konnte, fiel uns im Laufe des 2.Lebensjahres auf, daß er oft ohne ersichtlichen Grund stolperte und hinfiel. Auch liebte er Kinderlieder sehr und sang die Texte nach, noch bevor er richtig sprechen konnte. Er bevorzugte leise Geräusche (z.B. tickende Armbanduhren) und flüchtete panikartig, wenn er den Lärm von Rasenmäher oder Staubsauger hörte.

Die Kindergartenzeit:
Mit dem Eintritt in den Regelkindergarten änderte sich Manuels Verhalten stark. Er näßte oft wieder ein, schlief nachts sehr unruhig, seine Sprache ging in Echolalie über. Im Kindergarten spielte er alleine und wirkte sehr abwesend. Zum völligen Erstaunen der Erzieherinnen bekam er jedoch alle Lieder und Gedichte mit und sang sie Zuhause perfekt vor.

Die Kinderärztin sah das Kind als völlig gesunden Spätentwickler und mich als überbesorgte Mutter an. Erst die Amtsärztin, die Manuel als Schulanfänger (mit 5 1/2 Jahren) im Kindergarten untersuchte und meine Bedenken hinsichtlich seiner Entwicklung hörte, empfahl uns eine erfahrene Kinderpsychiatrin, die auch sofort "autistische Züge" diagnostizierte. Durch Literatur informierten wir uns über Autismus und stellten bald viele Parallelen zu Manuel fest. Sein Verhalten verschlimmerte sich noch einmal gravierend durch die Geburt seines Bruders. Er konnte das gelegentliche Weinen des Babys nicht ertragen und zog sich ganz in Stereotypien zurück. An Einschulung war nicht zu denken. Im Regelkindergarten wollten wir Manuel nicht lassen, weil er dort in der großen Gruppe nicht genügend gefördert werden konnte.

So besuchte er ein Jahr den Kindergarten der Lebenshilfe. Sein Verhalten besserte sich, und seine Persönlichkeitsentwicklung machte Fortschritte. Durch intensives Training und mit Hilfe von Fotos und Videofilmen, die Manuel als Baby und Kleinkind zeigten, lernte er sich als Persönlichkeit kennen. Er sprach von sich nicht mehr in der 3. Person, sondern in "Ichform", und seine Echolalie verschwand. Auch nahm er wieder Blickkontakt auf. So konnte er mit 7 Jahren in die Schule für Sprachbehinderte eingeschult werden. Sprachbehindert war er zwar nicht mehr, aber die Klassen waren kleiner, und die Lehrer hatten etwas mehr Ahnung über Autismus als Lehrer an den Regelschulen.

Die Grundschulzeit:
Im 1. Schuljahr war Manuel mit 10 Mitschülern zusammen in einer Klasse. Es waren sehr unruhige, verhaltensauffällige Kinder dabei, so daß Manuels Aufmerksamkeit stark gestört war. Für ihn waren auch die täglichen 5 Schulstunden zu lang. Er baute bis Weihnachten starke Stereotypien wie Schaukeln mit dem Stuhl, Klopfen mit dem Bleistift und unbegründetes Lachen auf, was an den Nerven der sehr verständnisvollen und engagierten Lehrerin stark zehrte. n den Weihnachtsferien konnte Manuel auf diese zwanghaften Handlungen verzichten, d.h. ohne Schulstreß brauchte er auch keine Stereotypien. Unterrichtsinhalte bekam er nur sehr lückenhaft mit. Ohne zusätzliche Hilfe von Zuhause hätte er das Ziel der 1.Klasse nicht erreichen können.

Nach Rücksprache mit dem Staatlichen Schulamt und Einbeziehung des Schulpsychologen erlaubte die Schulleitung endlich, Manuel an bestimmten Tagen schon nach 3 Schulstunden abzuholen. Sein Verhalten besserte sich, er hielt die 3 Stunden wesentlich besser durch. Leider mußte er auf Drängen der Schulleitung nach ca.2 Monaten die Schule wieder in vollem Umfang besuchen und so manche Stunden nutzlos absitzen. Hier hätten wir uns gewünscht, daß die "Empfehlungen "des Kultusministeriums Baden-Württemberg zur Förderung von autistischen Kindern in der Praxis auch angewendet werden. Sie lassen nämlich Sonderregelungen und Sonderstellungen für autistische Kinder zu und empfehlen auch täglichen Einzelunterricht. Daran war zu diesem Zeitpunkt auf Grund mangelnder Lehrstunden aber nicht zu denken.

Auch im 2. Schuljahr ging Manuel pflichtbewußt zur Schule. Er beklagte sich nie. Schule bedeutete jedoch viel Streß für ihn, und er schaltete oft ab. Er fand neue, unauffällige Stereotypien wie leises Schnalzen mit der Zunge, unauffälliges Auf- und Ab- ober Hin- und Herbewegen des Kopfes oder Riechen an Gegenständen. Nachmittags holte er Zuhause das im Unterricht Versäumte nach.

Im 3. Schuljahr waren die Rahmenbedingungen für Manuel noch schlechter. Es waren jetzt 15 Kinder in der Klasse und im Deutsch- und Mathematikunterricht 2 Lehrer anwesend. Manuel reagierte auf diesen erneuten Streß mit lang anhaltendem Lachen. In diesem Jahr begannen wir mit unserem Sohn eine Therapie nach Delacato. Die Übungen sollten mindestens 3 mal täglich durchgeführt werden. Glücklicherweise war zu dieser Zeit ein Praktikant an der Schule, der diese Übungen relativ regelmäßig mit Manuel durchführte, so daß wir Zuhause nur noch zweimal üben mußten. Manuel freute sich sehr auf diese Übungsstunde, und er war immer sehr enttäuscht, wenn sie mal ausfiel.

16 Schüler in der Klasse und reduzierte Lehrerstunden brachten im 4. Schuljahr weitere schlechte Bedingungen für ein autistisches Kind. Die Klassenlehrerin unterrichtete jetzt nur noch Deutsch, Mathematik und Heimat- und Sachkunde übernahm ein Lehrer. Dieser war mit Manuel, der immer wieder die Einzelansprache suchte, immer wieder geistig zum Unterricht hergeholt und zum Arbeiten aufgefordert werden mußte, überfordert.

Wir beantragten Einzelunterricht in Mathematik. Da keine freien Lehrerstunden zur Verfügung standen, drohte dieses Vorhaben zu scheitern. Glücklicherweise fand sich eine Praktikantin, die im Anschluß an ihr Praktikum im Oktober Manuel 3 Stunden Einzelunterricht pro Woche erteilte. Nachdem wir diese Stunden zuerst privat bezahlten, fanden wir durch den Regionalverband Heidelberg einen Weg, diese Kosten über das Jugendamt zu finanzieren.

Am Ende der Grundschulzeit war Manuel gut im Rechtschreiben und Lesen, er verstand jedoch nicht den Inhalt eines längeren Textes. Aufsätze bereiteten ihm große Schwierigkeiten. Mündlich und schriftlich konnte er jedoch relativ gut selbst Erlebtes wiedergeben. Formales Rechnen beherrschte er sicher. Er benötigte aber wesentlich mehr Übungsaufgaben und Wiederholungen als andere Kinder. Textaufgaben bereiteten ihm Schwierigkeiten, wenn sie nicht nach einem bestimmten Schema zu lösen waren. m Heimat- und Sachunterricht bekam er die Unterrichtsinhalte nur sehr lückenhaft mit. Für Tests lernte er Zuhause vieles auswendig.

Im Musikunterricht lernte Manuel nach anfänglichen Schwierigkeiten recht gut Blockflöte spielen. Bald fanden wir heraus, daß er zwar aufs Notenblatt schaute (weil die anderen Kinder das auch taten), er die Melodie aber nur spielen konnte, wenn er sie zuvor schon einmal gehört hatte. Er spielte nun viele ihm bekannte Lieder nur nach Gehör. Hausaufgaben versuchte er nach Möglichkeit selbständig zu erledigen. Es war ihm auch wichtig, Freunde zu haben. Da die Schule für Sprachbehinderte mit der Grundschule endete, begann für uns erneut die Suche nach einer geeigneten Schule für Manuel.

Vom Schulamt wurde uns eine Heimsonderschule für Sprachbehinderte empfohlen. Unsere Entscheidung fiel nach reiflicher Überlegung gegen diese Schule aus, da Manuel nur am Wochenende Zuhause gewesen wäre. Wir waren und sind der Meinung, daß vor allem die emotionalen Bedürfnisse unseres Kindes innerhalb der Familie weitaus besser befriedigt werden können als im Heim. Auch wollten wir nicht, daß das natürlich gewachsene gute Verständnis der Geschwister untereinander gestört wird. Die beiden gesunden Kinder können nur in der täglichen Konfrontation mit der Andersartigkeit ihres Bruders Toleranz, Verständnis und Hilfsbereitschaft lernen. Manuel selbst reagierte auf die Nachricht, von Zuhause weggehen zu müssen, mit nächtlichem Einnässen und verstärkten Stereotypien.

Das schlimme 5.Schuljahr:
Da die normale Hauptschule wegen der zu großen Klassen für uns ausschied, besuchte Manuel eine Schule für Sprachbehinderte, die bis zum 6.Schuljahr geführt wurde. In der Klasse waren 10 Jungen, die teilweise sehr verhaltensauffällig und grob im Umgang waren. Diese 5.Klasse war in den Sachfächern mit der 6. Klasse zusammen, was Manuel sehr große Schwierigkeiten bereitete.

Er hatte nun nicht nur Probleme mit den Unterrichtsinhalten, sondern auch sehr große Angst vor einigen Mitschülern und auch vor den Lehrern. Seine sehr verständnisvolle Lehrerin aus der Grundschule vermißte er sehr. Gleich in der ersten Schulwoche beschuldigte ihn ein Mitschüler, ihm etwas absichtlich kaputtgemacht zu haben, worauf Manuel vom Lehrer angeschrien wurde: "Du bist wohl nicht ganz dicht"....u.s.w. Er bestritt zwar die Tat, konnte sich aber nicht energisch genug verteidigen. Von diesem Tag an litt Manuel. Er kam mittags nach Hause, brachte keinen Bissen runter. Auf unsere Fragen, was denn los sei, konnte er zuerst nicht antworten. Er saß nur da mit Tränen in den Augen. Als er dann endlich bruchstückhaft erzählte, was geschehen war, versuchte ich in der Schule den entsprechenden Lehrer telefonisch zu erreichen. Er ließ sich von der Sekretärin entschuldigen und verwies auf den Elternsprechabend in 14 Tagen.

An diesem Abend war der besagte Lehrer krank, so daß die Sache wieder nicht geklärt werden konnte. Bei einem anderen Lehrer mußte Manuel Strafarbeiten schreiben:100 mal "Ich darf im Unterricht nicht lachen" u.ä.. Sein Klassenlehrer war der Meinung, daß unser Kind in keinem Fall autistisch wäre, er würde ja sprechen und auch von sich aus Kontakt aufnehmen. Lange Gespräche und ein ausführlicher schriftlicher Entwicklungsrückblick sowie neue Literatur über Autismus änderten nichts an der Meinung der Lehrer, daß Manuel an der falschen Schule wäre. Unsere Bitte, Manuel in Mathematik Einzelunterricht zu erteilen (eine entsprechende, sehr verständnisvolle Lehrerin und deren Bezahlung hatten wir organisiert), nahm die Schule nur in den beiden Religionsstunden an, von denen wir unser Kind gleich zu Schuljahresbeginn befreit hatten. Dies war uns zu wenig. Manuel wurde immer unglücklicher und wollte nicht mehr zur Schule gehen. Die ganze Familie litt mit ihm. Es hatte keinen Sinn mehr, ihn an dieser Schule zu lassen.
Manuel in der Förderschule:
Bei einem Gespräch mit dem Schulamt kam wieder der Vorschlag, unser Kind in die Heimsonderschule zu bringen. Wir brachten unsere Gründe vor, warum wir uns zu diesem Schritt nicht entschließen können, und so blieb für Manuel nur noch die Förderschule. Mit Hilfe des Schulamtes fanden wir eine kleine, ruhig gelegene Schule im ländlichen Raum, 15 km von unserem Wohnort entfernt. Als das Problem des Schulbezirkswechsels gelöst war und wir uns bereit erklärten, Manuel jeden Tag selbst zur Schule zu bringen und wieder abzuholen, stand dem Wechsel nichts mehr entgegen. Nach den Osterferien ging Manuel in eine Klasse mit 12 Kindern und einer sehr engagierten, ruhigen und erfahrenen Lehrerin, bei der er sich vom ersten Tag an wohl fühlte. Er wurde wieder fröhlich und bemühte sich sehr, die schulischen Anforderungen zu meistern. Seine Grundprobleme mit Textaufgaben und sinnerfassendem Lesen blieben.

Die Schulleitung dieser Schule ist sehr verständnisvoll und flexibel. So braucht Manuel den Nachmittagsunterricht, der einmal wöchentlich stattfindet, wegen zu großer Anfahrtswege nicht zu besuchen. Statt dessen bekommt er an unserem Wohnort 4-6 Stunden Einzelunterricht pro Woche von einer Lehrerin, die sein volles Vertrauen gewonnen hat und zu der er sehr gerne geht.

Jetzt ist Manuel in der 7.Klasse zusammen mit Kindern aus dem 8. und 9. Schuljahr. In Mathematik und Deutsch sind in seiner Gruppe nur 5-6 Kinder. In den Sachfächern umfaßt die Gruppe ca. 15 Schüler. Er wird vorwiegend von männlichen Lehrkräften unterrichtet, zu denen er ein gutes Verhältnis hat. Vor einigen größeren und älteren Mitschülern hat er etwas Angst, weil ihm diese in jeder Hinsicht überlegen sind. Auch stört ihn sehr, daß einige seiner Klassenkameraden heimlich rauchen. Er geht jedoch gerne zur Schule und versucht, seine Hausaufgaben selbständig zu erledigen. Seit einiger Zeit beschäftigt ihn seine körperliche Veränderung (Pubertät) stark, und er achtet auch sehr auf Stimmbruch und beginnenden Bartwuchs bei Mitschülern und seinem älteren Bruder.

Welche berufliche Zukunft vor ihm liegt, ist jetzt noch nicht abzusehen.
Brigitte Maier ( RV Südbaden )